Orange Days – Schweiz belegt bei Femiziden einen der unrühmlichen Spitzenplätze

Die 16 Aktionstage «Orange Days» vom 25. November bis am 10. Dezember 2022 fokussieren das Thema Femizid – die Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind. Im internationalen Vergleich belegt die Schweiz hier leider einen der Spitzenplätze.

Die Kriminalität in der Schweiz ist im internationalen Vergleich tief. 2021 gab es «nur» 42 vollendete Tötungsdelikte, die Tendenz ist rückläufig. Während es im Ausland insgesamt viel mehr Tötungsdelikte gibt, finden diese, anders als in der Schweiz, häufiger im öffentlichen Raum statt. 

In der Schweiz erfolgen rund 40 Prozent der vollendeten Tötungsdelikte im häuslichen Bereich – davon sind zu 90 Prozent Frauen betroffen. Im Durchschnitt ist die Schweiz im europäischen Vergleich eines der Länder, in welchem in den letzten Jahren insgesamt meist mehr Frauen als Männer Opfer eines vollendeten Tötungsdeliktes wurden [Quelle: Studie des Eidgenössischen Departements des Innern EDI (PDF)]

Tötung als Spitze des Eisbergs
Einem Tötungsdelikt im häuslichen Umfeld geht oft häusliche Gewalt voraus. Dr. med. Simone Blunier, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Initiatorin der Sprechstunde für häusliche Gewalt am Universitären Notfallzentrum (UNZ) des Inselspitals Bern, ordnet ein: «Die absoluten Zahlen zu Tötungsdelikten an Frauen sind niedrig. Aber es fängt in den seltensten Fällen mit der Tötung an. Schrecklich ist auch alles, was zuvor passiert. Oft leiden die Frauen jahrelang unter physischen und psychischen Übergriffen.» 2021 verzeichnete die Polizei in der Schweiz 19’341 Straftaten im häuslichen Bereich, davon sind rund 70 Prozent der Betroffenen weiblich.

Aufgestellte Nackenhaare 
Im UNZ werden pro Jahr rund 52 Fälle von körperlicher häuslicher Gewalt protokolliert. Es wird also im Durchschnitt jede Woche eine Frau behandelt, die zu Hause Gewalt erfahren hat. Bei manchen dieser Fälle stellen sich bei den behandelnden Ärztinnen und Ärzten die Nackenhaare auf, weil sie Risikofaktoren für einen möglichen Femizid wahrnehmen: Sucht, Geldmangel, psychische Erkrankungen, Vorstrafen und Trennungssituationen. «Eine Trennung ist meist nicht das Ende der Gewalt, im Gegenteil – hier besteht die Gefahr einer Eskalation», weiss Simone Blunier.
Anders als im umliegenden Ausland gibt es in der Schweiz keine standardisierten Fragebögen für Ärztinnen und Ärzte, um solche Risikosituationen systematisch zu erfassen und so vorbeugende Schutzmassnahmen zu ergreifen. Die medizinischen und pflegerischen Fachpersonen müssen sich im klinischen Alltag auf die Aussagen der Betroffenen und ihr eigenes Bauchgefühl verlassen.

Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen
Das UNZ ist ein sicherer Ort, an den sich akut gefährdete Frauen jederzeit wenden und bei drohender Gewalt flüchten können. Leider kommen sie meist erst, wenn ein Übergriff schon passiert ist. Zusammen mit Dr. med. Kristina Bauer vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern engagiert sich Simone Blunier darum auch politisch für den Schutz gewaltbetroffener Frauen. Sie begrüssen sehr, dass das Parlament und der Bundesrat im September bestimmt haben, dass jeder Kanton ein Krisenzentrum für Gewaltbetroffene haben sollte: «Ziel ist die psychische und physische Soforthilfe und die gerichtsverwertbare Dokumentation von Verletzungen», präzisiert Kristina Bauer die Bestrebungen. 

Politische Interventionen
Auch im Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der Istanbul-Konvention (NAT-IK), dem Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, werden 44 konkrete Massnahmen definiert, um Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt zu reduzieren. GREVIO, eine internationale Expertinnen- und Expertengruppe des Europarats, hat in ihrem Bericht vom November die bestehenden Massnahmen der Schweiz gegen Gewalt an Mädchen und Frauen sowie häusliche Gewalt zwar gelobt, aber auch einige Mängel festgestellt, insbesondere bei der Datengrundlage. «Es gibt verschiedene Formen von und Gründe für Gewalt. Um zu erfassen, welche Tötungsdelikte wirklich als Femizid – also als Tötung aufgrund des weiblichen Geschlechts – gelten, müssten detaillierte Statistiken geführt werden», fasst Kristina Bauer die zukünftigen Bestrebungen zusammen. 

orange the world

Dr. med. Simone Blunier und Dr. med. Kristina Bauer